Küstenforschung

Morgens um sieben

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ist die Welt noch in Ordnung … frei nach Eric Malpass, dem Autor des gleichnamigen Romans. In unserer Welt herrscht da auch Ordnung, weil der Kapitän bestimmt, wann die Leinen los gemacht werden. Und wenn er entscheidet, dass seine Welt morgens um sieben in Ordnung ist, dann ist sie das für uns natürlich auch. Vergeben und vergessen, um welche unordentliche Zeit man dafür aus dem Bett fallen musste für die teils längere Anreise nach Hamburg zum Anleger der Elbphilharmonie-Fähren.

Es geht los Richtung Büsum, zu unserer ersten Station der „Forschung vor Anker“-Tour. An Bord dürfen wir einen besonderen Gast begrüßen, der uns auf dem Teilstück bis nach Glückstadt begleitet. Peter Stein, Fachmann für Flaschenposten, der auf seiner Website Flaschenposten alles zum Thema „Buddelbriefe“ zusammenträgt. Er ist der Ideengeber für unsere „Aktion Flaschenpost“ (darüber später mehr) und steht uns mit Rat und Tat bei dem Projekt zur Seite.

Nun auf der Fahrt haben wir die beste Gelegenheit, mit ihm über seine Passion für Flaschenposten zu sprechen.

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Wann haben Sie Ihre erste Flaschenpost gefunden?

Das muss 1993 gewesen sein. Eine Ein-Liter-Sprudelflasche, sie lag an einem schmuddeligen Strandabschnitt in der Kieler Innenförde. Der Zettel war ein bischen  aufgeweicht. Darauf stand in Kinderhandschrift mit Buntstift der Name und die Adresse eines Mädchens aus Kiel. Mehr konnte die Kleine wohl noch gar nicht schreiben. Aber ich fand das total süß! Die Adresse stand auch im Telefonbuch. Die Mutter war etwas irritiert, als da plötzlich ein wildfremder Mann anrief und ihr Töchterchen sprechen wollte. Aber als das Wort „Flaschenpost“ fiel, war großes Hallo in der Wohnung! Die Kleine hat sich total gefreut, auch wenn die Flasche gar nicht weit gekommen war. Um es wenigstens ein bischen nautisch auszudrücken: Die Budel war eine Seemeile weit gekommen. Natürlich bekam die Absenderin dann noch einen richtig ausführlichen Brief. Vom Flaschenpostadmiral!

 

Wie viele Flaschenposten haben Sie mittlerweile gefunden?

Gar nicht so viele: drei. Nein, vier insgesamt. Wenn ich am Wochenende an den Strand komme, ist wohl schon immer alles abgesammelt. Die Leute, die direkt am Strand wohnen und morgens früh schon mit dem Hund unterwegs sind, sind also klar im Vorteil. Ich bin also mehr ein  Flaschenpostschreiber als ein Sammler.

 

Sie wurden von „DAS!“  für ein Interview  im Fernsehen angefragt und sind der Ideengeber für das Projekt Flaschenpost  bei „Forschung vor Anker“.  Wie fühlt man sich als Ansprechpartner für Flaschenposten?

Irgendwie komisch!  (lacht)

Es war auch schon ein Journalist bei mir, der ein Buch über Flaschenpost in der Ostsee schreibt. Und eine Künstlerin rief mal an, weil sie Rat für ein Kunstprojekt brauchte. „Fachmann“ für eine total spleenige und im Grunde nutzlose Sache zu sein, das ist schon ziemlich schräg! Aber es macht richtig viel Spaß!

 

Sie sind ja nicht nur Flaschenpostredakteur und Strandwanderer, sondern betreiben auch noch ein eigenes Weblog über Flaschenposten. Wie kam es dazu?

Ich habe mal aus purer Neugier mit dem Suchbegriff „Flaschenpost“ im Internet gesucht. Da findet man alles mögliche, was so genannt wird. Nur echte Flaschenpost, so richtig mit Flasche, Brief drin und echt nassem Wasser – also nicht nur als Deko-Artikel -,  dazu gibt es kaum was.  Also dachte ich, ich könnte selbst ein paar Geschichten dazu zusammenstellen. Außerdem wollte ich ausprobieren, wie das mit dem Bloggen funktioniert. Meiner Generation hat die Computermaus ja nicht in der Wiege gelegen, da muss man dann einfach mal experimentieren, um sich mit dem Internet vertraut zu machen.

 

Was war Ihr interessantester Flaschenpost- oder Strandgutfund?

Als Jugendlicher war ich mal mit anderen Naturschützern an einer Aufräumaktion auf der Elbinsel Lühesand beteiligt. – Da kommen wir ja heute vorbei! – Jede Menge Schiet und Dreck lag da am Ufer: Styropor, Plastik. Meine Güte, allein wie viel Weichspülerflaschen wir da gefunden haben! Eine Teekiste, die war leider leer.

Und eine Abschusskartusche für eine Leuchtkugel, da fehlte aber die Leine vom Abzug. Und irgend so ein Heini hat das Ding dann abends ins Lagerfeuer geschmuggelt. Das war dann ziemlich gespenstisch, als es da plötzlich fauchend und gleißend orange aufleuchtete. Zum Glück ist niemandem die Leuchtkugel um die Ohren geflogen – das hätte leicht ins Auge gehen können!

 

Wie kamen Sie auf die Idee, Flaschenposten zu schreiben?

Oh, da kommen viele Gründe zusammen! Die erste Flaschenpost habe ich mit 13 Jahren gebastelt, nachdem ich in einem Museum eine gesehen hatte, die von Ozeanographen zur Erforschung von Meeresströmungen in die Nordsee geworfen worden war. Das fand ich spannend! Und so ein Experiment wollte ich wiederholen. Na, genau das haben wir ja jetzt auch wieder vor!

Als Junge war natürlich eine Portion Seefahrtromantik mit im Spiel. Wenn man viele Abenteuerbücher liest, aber als Stadtkind nicht selbst auf Seereise gehen kann, dann schickt man eben einen Buddelbrief los …

So richtig erwachsen und „vernünftig“ bin ich wohl nie geworden. „In jedem Mann steckt ein kleiner Junge“ heißt es ja.  Als ich irgendwann mal am Strand nach Flaschenpost Ausschau hielt, aber keine fand, dachte ich: Dann mach doch selbst eine, dann freut sich vielleicht jemand anderes! So ging der Spleen dann richtig los!

 

Was fasziniert Sie so an Flaschenposten?

(lacht) Das möchte ich auch mal wissen!

Vielleicht ist es diese spielerische Auseinandersetzung  mit der Naturgewalt, dem Meer. Das Meer ist ja unbeherrschbar! Wir können die Ozeane leerfischen, vergiften, vollmüllen, aber beherrschen können wir sie nicht. Und wer eine Flaschenpost verschickt, der lässt sich darauf ein. Er weiß, dass er nichts im Griff hat: Nicht, wohin die Reise geht, wie lange sie dauert, ob jemand die Flasche findet …

Also genau das Gegenteil von dem, was wir sonst im Leben erwarten: Dass alles geplant und kontrolliert abläuft, Profit abwirft, „etwas bringt“.

Flaschenpost hat wohl etwas mit Zauberei in einer entzauberten Welt zu tun. Man nimmt eine leere Flasche, etwas ganz Alltägliches und Banales. Man steckt einen Zettel hinein, verschließt sie, wirft sie ins Wasser, und schon wird etwas ganz Geheimnisvolles daraus. Für einen selbst, weil man nicht weiß, was dann passiert. Für einen Finder, weil er erst einmal nicht weiß, was es damit auf sich hat, wenn er sie entdeckt. So irgendetwas muss es wohl sein. Genau weiß ich es auch nicht!

 

Wie lange war die längste Reise einer Flaschenpost, die Sie gefunden haben?

Die war eine Woche unterwegs: Vom Schönberger Strand an der Kieler Bucht bis zu der Ecke, wo ich auch die Flaschenpost des kleinen Mädchens entdeckt hatte. Also gut zehn Seemeilen – wir sind ja hier auf einem Schiff! Von der Entfernung her ist das nicht so spektakulär, aber schon interessant, dass die Flasche sozusagen in einer Kurve in die Kieler Förde geschwommen ist und dabei auch durch die enge Stelle am Falkensteiner Leuchtturm durchschipperte.

 

Glauben Sie, dass das Projekt Flaschenpost von „Forschung vor Anker“ Erfolg haben wird?

Na klar! Das ist doch Küstenforschung zum Anfassen und Mitmachen! Hoffentlich gibt es viele Rückmeldungen von Findern! Ich bin selber ganz gespannt, ob die Flaschenposten da gefunden werden, wo sie nach den Modellrechnungen zur Verdriftung ankommen sollten! Nereus, der Meeresgott der alten Griechen, galt ja immer als besonders geheimnisvoll. Mal sehen, ob er sich jetzt durch Computersimulationen auf die Probe stellen lässt!

 

Herzlichen Dank, Herr Stein, für das nette Gespräch mit höchst interessanten Einblicken und Fakten! Unsere Fragen haben sich übrigens unsere Praktikantinnen Sarah und Iris in der Vorbereitungsphase zur Veranstaltung überlegt. Den Beiden danken wir auch ganz herzlich für die tatkräftige Unterstützung!

Worum es konkret bei unserer Aktion Flaschenposten geht, erfahren Sie in einem der nächsten Artikel. Für die Zwischenzeit legen wir unseren Lesern den Besuch der Website „Flaschenposten“ ans Herz, um in eine spannende, abenteuerliche und kurzweilige Lektüre einzutauchen.

5 Kommentare zu “Morgens um sieben

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  4. Und von mir ganz ganz herzlichen Dank für das Mitnehmen! Es war eine richtig schöne Tour und eine supertolle Begegnung mit all den liebenswerten Leuten an Bord!
    Dafür steht man doch wirklich gerne früh auf! Und, wie man sieht, hat mich die Elbe ganz gut wachgeduscht. 😉

    Ganz herzliche Grüße auch an meine beiden netten Interviewerinnen! 🙂

    Viel viel Erfolg bei der „Forschung vor Anker“ – Tour und viel gute Resonanz bei den Besuchern der Veranstaltungen!

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    • Herzlichen Dank sagen auch wir! Es war spannend, interessant, kurzweilig und fröhlich. Die Zeit verging leider viel zu schnell! Einige Zeit später haben wir dann gesagt: „Wir hätten besser in Glückstadt mit aussteigen sollen.“ Stattdessen Brunsbüttel …

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