Küstenforschung

Shandong: Chinese Academy of Science, Weißstörche und马路杀手, von Prof. Hans von Storch

5. Bericht

In Hamburg haben wir den KlimaCampus, der verschiedene Akteure im Bereich der Klimaforschung und des Klimamonitoring zusammenbringt. Für die Klima- und Küstenforschung könnte man das in Qingdao auch machen, aber die Neigung zum Einzelkämpferdasein ist in China noch stärker ausgeprägt als bei uns – nicht dass wir viel besser in dieser Hinsicht noch vor 10 Jahren waren. Dabei gibt es starke Akteure in dieser Stadt Qingdao und dieser Region Shandong – diverse Universitäten, das Institut für Ozeanologie (IOCAS) und für Küstenforschung (YIC) der Akademie der Wissenschaften (CAS), der lokale Wetterdienst, die Behörde für die Überwachung und das Management der Meere (SOA) und sicher noch andere einschlägig relevante Einrichtungen. Vielleicht hilft unser Four Seas (四海) Memorandum, hier eine konzeptionell geleitete Konvergenz zu erreichen – mehr dazu weiter unten.

Deutlich sichtbar als Kompetenzakteur ist CAS – mit seinem klassischen Institut für Ozeanologie (IOCAS) in Qingdao, und den Ablegern des South China Sea Institute (SCSI) in Guangzhou (europäisch: Kanton) und des Instituts für Küstenforschung (YIC) in Yantai, etwa 200 km nördlich von Qingdao. Mit dem YIC ist das HZG Institut für Küstenforschung fast seit seiner Gründung verbunden, früh schon mit einem Memorandum of Understanding. Unsere Sprecher gegenüber YIC waren zunächst Franciscus Colijn und jetzt Kay Emeis; die Gruppe von Ralf Ebinghaus ist dort gut und gern bekannt. Ich selbst bin mehrfach in dieser Stadt am Meer zu Gast gewesen, wenngleich mein Hauptaugenmerk dem gilt, was in Qingdao geschieht.

Auch CAS ist nicht frei von dem Wunsch, Umorganisationen durchzuführen – die Bürokraten müssen ja was zu tun haben, auch wenn vermutlich die alte Einsicht Harry van Loons gilt: „The more it changes, the more it remains the same. … There was an urge to change things every now and then. The people reorganized, reorganized and continued as before.“ So kam es jetzt zu einer Re-Organisation, die die marin-orientierten Einrichtungen zusammenführen, aber auch die Arbeitsteilung wirksamer gestalten soll. Die Nettowirkung ist, dass YIC und IOCAS jetzt einen gemeinsamen Direktor haben, nämlich den Ökologen (mit Spezialgebiet Quallen) Professor 孙松 (Sun Song), der bis dato schon Direktor von IOCAS war. Der bisherige Leiter von YIC, der Bodenkundler Prof. 骆永明 (Luo Yongming), leitet das YIC weiter, wenngleich mit dem weniger beeindruckenden Titel eines „acting vice-directors“. Gleichzeitig aber soll der Grundsatz „Blauwasser in Qingdao“ und „Braunwasser in Yantai“ stärker betont werden, so Sun Song im privaten Gespräch. Und Braunwasser oder besser Gelbwasser gibt es im Forschungsgebiet vom YIC reichlich. Auch dazu weiter unten mehr. Für uns wird der Wechsel wenig bedeuten; beide Direktoren sind uns freundlich gesonnen und haben an entweder an dem 四海-Memorandum mitgewirkt bzw. es als hilfreiche Überlegung akzeptiert. Wir haben mit beiden Instituten, dem IOCAS und dem YIC hervorragende und starke Partner.

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Besuch der Leitungsebene von IOCAS in Qingdao und YIC in Yantai: Hans von Storch (HZG), Jin-Song von Storch (MPI für Meteorologie, Hamburg), 孙松 (Sun Song, IOCAS und YIC), 骆永明 (Luo Yongming, YIC), Prof. 穆穆 (Mu Mu, IOCAS) and 王凡 (Wang Fan, IOCAS)

Das IOCAS betreibt große, sehr große Forschungsschiffe, hat einen guten Ruf im Bereich der theoretischen Ozeanographie, ist engagiert in der Modellierung, hat große Abteilungen für marine Geologie und Biologie; neben den fachlichen Gesprächen wurde uns die biologische Sammlung präsentiert, deren Stücke entweder aus den 50er Jahren und ab den 1980er Jahren stammen. Die schlimmen Jahre dazwischen haben die Sammlungsstücke irgendwie in Kisten an unauffälligen Plätzen überlebt. Franciscus hatte sicher geschwelgt, aber ich muss mich in meiner biologischen Ahnungslosigkeit mit der Ästhetik des Anblicks begnügen. Dazu Anlagen zur Zucht von Arten, die für die Marikultur geeignet sind.

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Das YIC setzt vor allem auf Küstenökologie und Management, wobei man hier konsequenterweise und in Konsistenz mit dem 四海 Memorandum Küste als sowohl seewärtig als auch landwärtig versteht. So verwundert es nicht, dass die Forschungsstation auch im Huanghe Delta platziert ist, wo es auch um Feuchtgebiete und für Landgewinnung geeignete Pflanzenzucht geht. Man hat den Eindruck, dass die Forschung hier viel in Richtung Nützlichkeit und Anwendung geht. Die Werteuhren gehen in China eben anders als bei uns. Nicht schlechter, aber anders. Was HZG gut machen könnte, wäre hier (und an anderen Forschungsstationen von IOCAS/YIC) unsere Monitoringtechniken zur Verbreitung und Deposition von etwa Quecksilber aufzubauen.

Eindrücke aus dem Naturschutzgebiet im Delta des Huanghe und von der Foschungsstation „Yellow River Delta Ecology Research Station of Coastal Wetland“ des YIC. (unser Führer ist 唐建辉 (Tang Jianhui), der demächst nach HZG kommt.)

Eindrücke aus dem Naturschutzgebiet im Delta des Huanghe und von der Foschungsstation „Yellow River Delta Ecology Research Station of Coastal Wetland“ des YIC. (unser Führer ist 唐建辉 (Tang Jianhui), der demächst nach HZG kommt.)

Der Huanghe heißt nicht nur so, Gelber Fluss, er ist auch wirklich ziemlich gelb, voll mit Sediment; kommerziellen Schiffsverkehr gibt es nicht auf dem Fluss, aber ein großes Naturschutzgebiet im Mündungsbereich. Dazu muß man sagen, dass der Fluss öfter seine Mündung verlegt hat, oder verlegt bekam – mit wirklich großen Umleitungen. Es heißt, die jüngste Umleitung habe etwas damit zu tun, dass man die Ölförderung erleichtern wolle, und so durch Sedimentanlagerungen den Bau von Förderanlagen vereinfachen wollte. Im Naturschutzgebiet gibt es neben Weißstörchen eben auch Förderpumpen. Dass das ganze Gebiet hellbraun aussieht, ist für die Jahreszeit normal; im Mai soll sich das rasant ändern und das Gelände zeitweilig durchaus weiträumig unter Wasser stehen.

Kommen wir noch kurz auf das Four Seas (四海) Memorandum zurück. Wir hatten mit Kollegen von diversen Küstenforschungseinrichtungen in Norddeutschland zusammen mit ebenso diversen chinesischen Partnern im Oktober 2014 ein Symposium in Qingdao zum Thema Küstenforschung und Küstenmanagement. Finanziert durch die CDZ (Chinesisch-Deutsche Zusammenarbeit und organisiert vom SGMS (Center for Sino-German Cooperation in Marine Sciences) in Person von 李爽(Li Shuang) and vom IfK des HZG in Person von Sabine Billerbeck. Neben anderen Perspektiven von Zusammenarbeit kam dabei dies Memorandum heraus, das die Küste als Herausforderung an die Wissenschaft auch jenseits der Ozeanographie beschreibt – also unter Einschluss von Sozial- und Ingenieurwissenschaften. Dabei wurde die Ähnlichkeit der beiden Meeressysteme Bo/Huang Hai und Nord/Ostsee betont – in geo-bio-chemischer Hinsicht und im Hinblick auf intensive menschliche Nutzung. Aber das steht ja alles in dem Memorandum, das jetzt vielleicht hilft, eine anwendungsorientierte, informell-vernetzte, eigenständige Küstenforschung (im Gegensatz zum reichlich uninteressanten, etwas dreckigen Bruder der „richtigen“ Ozeanographie) sowohl in Norddeutschland als auch in Shandong aufzubauen.

Soweit zur Wissenschaft. Die Reise durch Shandong hatte noch eine weitere Besonderheit, denn sie war mit durchaus langen Landtransporten verbunden – einmal hin per (bequemem) Bus, und wieder zurück mit einem konventionellen Zug, wo man im Liegewagenabteilen saß. Aber mit interessanten Ausblicke auf Landschaft, Leute, Landwirtschaft, und schweigende Mitreisende. Und der Manifestation „Ordnung muß sein“.

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Es bleibt noch der Sprachunterricht. Oben kam 四海 vor; die Zahl hatten wir schon im Kinderreim im 4. Bericht; das zweite Zeichen kommt schon im Namen der Universität in Qingdao vor – Ozean. Aber bei der Fahrt übers Land gab es etwas sprachlich Feines zu lernen, nämlich die Bezeichnung für wilde Fahrer: 马路杀手 (ma lu sha shou), was in etwa „Straßenmörder“ heißt. Sofern es gelingt, das Wort einigermaßen chinesisch auszusprechen, was zugegebenermaßen eine wirkliche Herausforderung darstellt, wird man damit schon Eindruck schinden können.

Qingdao, 7. April 2015

(posted by Prof Dr. Hans von Storch)

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